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Ralph Ueltzhöffer,
Irritation, Simulation und die Geschichte von der hungernden Biene.
EIN GESPRÄCH
VON THOMAS A. WENZ
Während seiner Ausbildung befasst sich Ralph Ueltzhöffer primär
mit Fotografie. Geht man davon aus, dass entscheidende Parameter
des fotografischen Verfahrens Ausschnittswahl,
Belichtung und Zeitfixierung sind, kann von der Geburt seiner künstlerischen
Arbeit aus dem Geist der Fotografie gesprochen werden.
Ralph Ueltzhöffer * 1966 in Mannheim, studierte an der Akademie
der Bildenden Künste in Karlsruhe bei Andreas Slominski und Ernst Caramelle. Während seines Studiums, das Ueltzhöffer gerne als Test und Probephase bezeichnet,
ist ihm trotz allem eine für ihn entscheidende Ausstellung gelungen.
2001 inszeniert Ueltzhöffer gemeinsam mit einem Studienkollegen Jens
Rühl im Ausstellungsraum Orgelfabrik Karlsruhe-Durlach die
Ausstellung mit dem Titel " Die Geschichte von der hungernden Bienen
auf der blühenden Blume" - eine Raum-, Licht-, Klanginstallation.
Eine Unzahl ausgetrockneter Sonnenblumen,
im Sommer geschnittene F1 Hybriden (selbstbestäubend) hängen
an dünnen Nylonfäden von der Decke herab und füllen den
Raum der Orgelfabrik. An dieser Stelle muss sich eine Klammer öffen
und näher auf die Geschichte und den Ursprung der Arbeit eingegangen
werden.
T. A. Wenz: Wie sind Sie zu der Arbeit bzw. zu dieser doch
ausgefallenen Geschichte gekommen?
Ueltzhöffer: Reiner Zufall, ich war spazieren und bin an einem
Sonnenblumenfeld vorbeigekommen, an dem sich zwei Männer lautstark
unterhielten. Der eine war der Bauer, dem das Sonnenblumenfeld gehört
hat und der andere ein Imker, der seine Bienen an dem Feld stehen hatte.
Aus der Unterhaltung ging hervor, dass die Bienen des Imkers trotz der
blühenden Pracht vor Hunger verendet waren und der Bauer sich keinen
Reim darauf machen konnte. Später stellte sich heraus, dass es
sich um Sonnenblumen der Gattung F1 Hybriden handelte, also selbstbestäubende.
Die Bienen hatten keine Chance! Die Geschichte ging mir nicht mehr aus
dem Kopf, es war einfach irgendwie tragisch.
T.A. Wenz: Handelt es sich bei dieser Geschichte nicht eher
um ein Politikum?
Ueltzhoeffer: Ich denke es handelt sich eher um ein paradoxes
Verhaltensmuster. Sonnenblumen,
die man in die Unabhängigkeit entlässt, Bienen, die man ins
Exil schickt und Menschen die sich
die Sonnenblumenmargerine auf's Brot steichen aber denen der Honig fehlt.
Vielleicht Verhaltenspolitik.
T.A. Wenz: Wie wichtig ist die Geschichte für Ihre Arbeit?
Ueltzhoeffer: Das interresante an dieser Geschichte ist für
mich, die Täuschung der Bienen und deren Ausdauer bis zur totalen
Ermüdung, ja bis hin zu ihrem Tod weiter zu suchen, weiter zu funktionieren. Die Geschichte ist eigentlich nur
die Vorlage, das Tor muss jeder selbst schießen.
Unser ganzes Leben besteht aus Geschichten, die einen sind wahr, die
meisten erfunden, die einen glaubt man und die anderen will man glauben.
Geschichten, jeden Morgen wenn ich Radio höre, höre ich Geschichten.
Sind sie mal auf die Idee
gekommen, das mal alles was man so an einem Tag hört genau nachzuprüfen?
Und das was ich sehe? Ich bin der Auffassung, dass die Kunst vielerlei
Räume bietet, man muss sie nur öffnen und bespielen.
T.A. Wenz: Räume, das Stichwört um die Klammer zu schliessen und
zu der Ausstellung in der Orgelfabrik Karlsruhe-Durlach 2001 zurückzukehren.
In der Mitte der hängenden Sonnenblumen befindet sich an Stahlseilen
ein Metallkubus, in dessen Mitte ein ca. 40cm x 40cm x 40cm Acrylglasbehälter
hängt, aufgefüllt mit toten Bienen.
Nichts wurde an dieser Ausstellung dem Zufall überlassen. Das Licht,
die Lichtarchitektur im
Zusammenspiel mit einer ausgetüfteteln Klangarchitektur, der Raum,
beschallt in quattro - das
Summen der Bienen überall, mal dezent, mal bedrohlich einfach,
alles in allem eine sehr homogene
Inszenierung, wo der Mut, neue Räume zu öffnen, sich so auf
jeden Fall auszahlt.
T.A. Wenz: Raum, Licht und Klang und der richtige Moment, etwas fotografisch einzufangen,
war
damals schon richtungsweisend. Wieso solch vielerlei Abweichungen in
die Malerei und in völlig
andere Kunstrichtungen?
Ueltzhöffer: Genau das hat mein Professor an der Akademie (Ernst
Caramelle) auf die Palme gebracht. Ich vertrete die Ansicht, dass man
während seines Studiums Grenzen erkunden sollte. Es gab Leute auf
der Akademie, die sich zu einem Prof-Klon entwickelt bzw. zurückentwickelt
haben.
Ohne irgendjemand nahe treten zu wollen, kurz gesagt: Wer sich anpassen
konnte, hatte es viel
leichter. Ich frage mich, ist die Kunst dazu da, es sich leicht und
einfach zu machen?
Ausserdem gibt es Arbeiten, die - und da gebe ich meinem Professor (Ernst
Caramelle) recht - brauchen Zeit zu reifen. Alle Ausflüge, die
ich in die unterschiedlichsten Räume unternommen habe, waren von
großem Wert für mich, denn so offen wie während seines
Studiums wird man
später nicht mehr kritisiert.
T.A. Wenz: Wurde Farbe und
Pinsel nun endgültig gegen einen Computer eingetauscht?
Ueltzhöffer: Nein im Gegenteil. Einen grossen Teil meiner Arbeit verbringe ich immer
noch mit der Malerei. Es gibt auch keine örtliche Trennung, in
meinem Athelier findet alles zusammen. Der Mac eignet sich übrigens
hervorragend um Farbe oder Pinsel abzulegen.
Das Entmaterialisieren - die Reduktion - funktioniert nur, wenn vorher
Material vorhanden war.
T.A. Wenz: Nun wären wir bei Ihrer
aktuellen Arbeit, Raum-Licht-Installationen, Hologrammen.
Handelt es sich ausschliesslich bei dieser Arbeit um die Erkenntnis,
dass es keinen "absolutely
white cube" gibt und geben wird?
Ueltzhöffer: Die Erkenntnis, dass es einen ganz unbelasteten
Raum gibt, einen"absolutely white cube" kann ich für
meine Person ausschliessen, das bedeutet, dass es sich immer um Rauminstallationen
- also Ausstellungen in Räumen, die zwar eigens mit dem Versuch
einen Raum so unbelastet wie möglich zu schaffen, handelt.
Der Raum und das Objekt sind eng miteinander verknüpft, nichts
neues und für manchen vielleicht
doch neu. Jedes Objekt wirkt in jedem Raum zu jeder Tageszeit völlig
anders. Ich habe mich
gefragt, was nun eigentlich an einer Ausstellung definitiv ist. Vielleicht
der Künstler? Vielleicht der
Raum? Vielleicht das Objekt?
T.A. Wenz: Wie würden
Sie Ihre neue Arbeit formulieren?
Ueltzhoeffer: Bei dieser Arbeit kommt alles zusammen, was sich über die Jahre
hat retten können. D.h. definitiv: Wir wissen weder wo wir herkommen,
noch wo wir hingehen. Wir glauben zu wissen wo
wir sind, können uns aber keine Vorstellung machen was uns umgibt.
Auf der einen Seite sollten
wir neue Räume beschreiten, auf der anderen Seite sehr vorsichtig
die Türen öffnen und uns klar
darüber werden, dass vielleicht nicht jeder durch diese Tür
gehen will.
T.A. Wenz: Hologramme, Lichtobjekte, Klangistallationen in
vielerlei Räumen. Wie sind Sie auf
Hologramme als Ausdrucksmöglichkeit gekommen?
Monika Sprüth Galerie 2004, Cabinet Gallery London
2005.
Ueltzhöffer: Ein Hologramm besteht aus einem 3D-Lichtobjekt,
könnte nicht-raumbezogen vielleicht am ehesten existieren, was
mich zu der Erkenntnis gebracht hat, den Raum zu definieren, also z.B.
Ort = München, Raum = Monika Sprüth Galerie,
Arbeit = Hologramm aus Sonnenblumen
(F1 Hybriden, selbstbestäubend)
Die Geschichte überträgt sich auf den Raum. Man kann das Objekt
(Hologramm) nur
sehen, nicht anfassen. Es ist real und gleichzeitig unreal. Der Raum
ist real....vielleicht!
Die Sonnenblumen waren real für die Bienen, und gleichzeitig unbrauchbar,
kein Nektar,
und ewig auf der Suche (roomdetecting).
T.A. Wenz: Biografie, Vita, Lebenslauf, ein heikles Thema zu dem Sie eine,
sagen wir mal ganz
besondere Einstellung haben.
Ueltzhöffer: Das Thema Vita ist für den überwiegenden
Teil der Künstler das Allerwichtigste!
T.A. Wenz: Für Sie wie man so hört das Allerunwichtigste?
Ueltzhöffer: Es gibt Menschen, und vor denen habe ich allergrössten
Respekt, die sind in der
Lage, alles, und sei es noch so unwichtig aufzuzeichnen und für
sehr wichtig zu erachten.
Menschen, die ihr Leben zu jeder Zeit voll im Griff und halbjährlich
in eine eigene Ausstellung
verwickeln, egal wo und wann.
T.A. Wenz: An Ausstellungen, pardon "Inszenierungen",
düfte es Ihnen in letzter Zeit ja nicht
gemangelt haben!
Ueltzhöffer: Ich habe die feste Auffassung, dass man im Leben
nur sehr wenige besondere Dinge
vollbringt!
T.A. Wenz: Sie teilen nicht die Auffassung, je länger
die Vita desto besser?
Ueltzhöffer: Geschickt gefagt!?
T.A. Wenz: Es ist ein sehr wichtiges Thema und es mehren sich
die Stimmen, so manch eine
Vita sei wohl weniger das, was sie so zu sein scheint?
Ueltzhoeffer: Da bin ich der falsche Gesprächspartner.
T.A. Wenz: Es gehört schon eine grosse Portion Mut zu
dieser Einstellung.
Ueltzhöffer: Das hier und jetzt zählt, ich genieße
die Unterhaltung mit Ihnen, und wenn jemand
das was ich Ihnen jetzt erzählt habe für wichtig erachtet
und ein Buch darüber schreibt, kann
ich ihn nicht daran hindern.
T.A. Wenz: Und was ist jetzt mit Ihrer Vita?
Ueltzhöffer: 1966 in Mannheim gebohren, Horst Antes in der Akademie
der Bildenden Künste
aufgesucht und Zeichnungen von Kartoffelkopfmännlein gezeigt -
so an die hundert Stück!
An der Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe studiert , Ausstellung
in der Orgelfabrik
Karlsruhe-Durlach gemeinsam mit Jens Rühl. ZKM Blauer Kubus Ausstellung
wiederholen wollen,
Kubus irgendwie defekt! Viel ausgestellt nichts gebracht! Auslandsaufenthalt
(Flucht)
Ab 2003 Raum-Lichtobjekte-Hologramme u. A. Cabinet Gallery London, Monika
Sprüth Galerie,
Thomas Rehbein.
T.A. Wenz: Da fehlt aber so einiges!
Ueltzhoeffer: Man sollte immer nach vorne schauen und nicht zurück!
Die Vita ist völlig unwichtig,
wichtig ist vielmehr die Tatsache, dass Laura und ich dieses Jahr wieder
unterwegs sind und sich
mutige Galerien doch bitte melden sollten. Laura May, Ralph Ueltzhöffer ROOMDETECTING 2006
Translocation Ueltzhöffer / May, "Was siehst du und
was tatsächlich erscheint vor deinem Auge? Was siehst du aus der
Ferne, was aus der Nähe? "
Raum auf der Suche nach dem Event, der Event auf der Suche nach dem
Raum. Die Geschichte erzählt die vergebliche Suche der Bienen nach
Nektar an Sonnenblumen, die sich selbst bestäuben. Irritation,
Simulation, die Geschichte hält Einzug in vielerlei Räume,
ungeachtet ihrer tatsächlichen Existenz.Gewollt oder ungewollt.Ich
kann die Geschichte fühlen, bin mittendrin. Der Raum ist untrennbar
und zwingend mit dem Objekt, also mit der Geschichte verknüpft.
Keine Mahnung, kein Politikum. Aber was will der Künstler uns damit
sagen? Vielleicht ist es einzig und allein der Versuch, eine Geschichte
zu erzählen, wo wir doch alle gerne Geschichten hören.
Ein Gespräch
von Thomas A. Wenz mit Ralph Ueltzhöffer Jan. 2006
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Orgelfabrik Karlsruhe

Asperger Gallery

Monika Sprüth Galerie
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