Ralph Ueltzhoeffer
»GESPRÄCH MIT THOMAS A. WENZ 2006 (AUSZUG)«
Während seiner Ausbildung befasst sich Ralph Ueltzhoeffer primär
mit Fotografie. Geht man davon aus, dass entscheidende Parameter
des fotografischen Verfahrens Ausschnittswahl, Belichtung und Zeitfixierung sind, kann von der Geburt seiner künstlerischen
Arbeit aus dem Geist der Fotografie gesprochen werden.
Ralph Ueltzhoeffer * 1966 in Mannheim, studierte an der Akademie
der Bildenden Künste in Karlsruhe bei Andreas Slominski und Ernst Caramelle. Während seines Studiums, das Ueltzhoeffer gerne als Test und Probephase bezeichnet,
ist ihm trotz allem eine für ihn entscheidende Ausstellung gelungen.
2001 inszeniert Ueltzhöffer gemeinsam mit einem Studienkollegen Jens
Rühl im Ausstellungsraum Orgelfabrik Karlsruhe-Durlach die
Ausstellung mit dem Titel " Die Geschichte von der hungernden Bienen
auf der blühenden Blume" - eine Raum-, Licht-, Klanginstallation.
Eine Unzahl ausgetrockneter Sonnenblumen,
im Sommer geschnittene F1 Hybriden (selbstbestäubend) hängen
an dünnen Nylonfäden von der Decke herab und füllen den
Raum der Orgelfabrik. An dieser Stelle muss sich eine Klammer öffen
und näher auf die Geschichte und den Ursprung der Arbeit eingegangen
werden.
T. A. Wenz: Wie sind Sie zu der Arbeit bzw. zu dieser doch
ausgefallenen Geschichte gekommen?
Ueltzhoeffer: Reiner Zufall, ich war spazieren und bin an einem
Sonnenblumenfeld vorbeigekommen, an dem sich zwei Männer lautstark
unterhielten. Der eine war der Bauer, dem das Sonnenblumenfeld gehört
hat und der andere ein Imker, der seine Bienen an dem Feld stehen hatte.
Aus der Unterhaltung ging hervor, dass die Bienen des Imkers trotz der
blühenden Pracht vor Hunger verendet waren und der Bauer sich keinen
Reim darauf machen konnte. Später stellte sich heraus, dass es
sich um Sonnenblumen der Gattung F1 Hybriden handelte, also selbstbestäubende.
Die Bienen hatten keine Chance! Die Geschichte ging mir nicht mehr aus
dem Kopf, es war einfach irgendwie tragisch.
T.A. Wenz: Handelt es sich bei dieser Geschichte nicht eher
um ein Politikum?
Ueltzhoeffer: Ich denke es handelt sich eher um ein paradoxes
Verhaltensmuster. Sonnenblumen,
die man in die Unabhängigkeit entlässt, Bienen, die man ins
Exil schickt und Menschen die sich
die Sonnenblumenmargerine auf's Brot steichen aber denen der Honig fehlt.
Vielleicht Verhaltenspolitik.
T.A. Wenz: Wie wichtig ist die Geschichte für Ihre Arbeit?
Ueltzhoeffer: Das interresante an dieser Geschichte ist für
mich, die Täuschung der Bienen und deren Ausdauer bis zur totalen
Ermüdung, ja bis hin zu ihrem Tod weiter zu suchen, weiter zu funktionieren. Die Geschichte ist eigentlich nur
die Vorlage, das Tor muss jeder selbst schießen.
Unser ganzes Leben besteht aus Geschichten, die einen sind wahr, die
meisten erfunden, die einen glaubt man und die anderen will man glauben.
Geschichten, jeden Morgen wenn ich Radio höre, höre ich Geschichten.
Sind sie mal auf die Idee
gekommen, das mal alles was man so an einem Tag hört genau nachzuprüfen?
Und das was ich sehe? Ich bin der Auffassung, dass die Kunst vielerlei
Räume bietet, man muss sie nur öffnen und bespielen.
T.A. Wenz: Räume, das Stichwört um die Klammer zu schliessen und
zu der Ausstellung in der Orgelfabrik Karlsruhe-Durlach 2001 zurückzukehren.
In der Mitte der hängenden Sonnenblumen befindet sich an Stahlseilen
ein Metallkubus, in dessen Mitte ein ca. 40cm x 40cm x 40cm Acrylglasbehälter
hängt, aufgefüllt mit toten Bienen.
Nichts wurde an dieser Ausstellung dem Zufall überlassen. Das Licht,
die Lichtarchitektur im
Zusammenspiel mit einer ausgetüfteteln Klangarchitektur, der Raum,
beschallt in quattro - das
Summen der Bienen überall, mal dezent, mal bedrohlich einfach,
alles in allem eine sehr homogene
Inszenierung, wo der Mut, neue Räume zu öffnen, sich so auf
jeden Fall auszahlt.
T.A. Wenz: Raum, Licht und Klang und der richtige Moment, etwas fotografisch einzufangen,
war
damals schon richtungsweisend. Wieso solch vielerlei Abweichungen in
die Malerei und in völlig
andere Kunstrichtungen?
Ueltzhoeffer: Genau das hat mein Professor an der Akademie (Ernst
Caramelle) auf die Palme gebracht. Ich vertrete die Ansicht, dass man
während seines Studiums Grenzen erkunden sollte. Es gab Leute auf
der Akademie, die sich zu einem Prof-Klon entwickelt bzw. zurückentwickelt
haben.
Ohne irgendjemand nahe treten zu wollen, kurz gesagt: Wer sich anpassen
konnte, hatte es viel
leichter. Ich frage mich, ist die Kunst dazu da, es sich leicht und
einfach zu machen?
Ausserdem gibt es Arbeiten, die - und da gebe ich meinem Professor (Ernst
Caramelle) recht - brauchen Zeit zu reifen. Alle Ausflüge, die
ich in die unterschiedlichsten Räume unternommen habe, waren von
großem Wert für mich, denn so offen wie während seines
Studiums wird man
später nicht mehr kritisiert.
T.A. Wenz: Wurde Farbe und
Pinsel nun endgültig gegen einen Computer eingetauscht?
Ueltzhoeffer: Nein im Gegenteil. Einen grossen Teil meiner Arbeit verbringe ich immer
noch mit der Malerei. Es gibt auch keine örtliche Trennung, in
meinem Athelier findet alles zusammen.
Das Entmaterialisieren - die Reduktion - funktioniert nur, wenn vorher
Material vorhanden war.
T.A. Wenz: Nun wären wir bei Ihrer
aktuellen Arbeit, Raum-Licht-Installationen, Hologrammen.
Handelt es sich ausschliesslich bei dieser Arbeit um die Erkenntnis,
dass es keinen "absolutely
white cube" gibt und geben wird?
Ueltzhoeffer: Die Erkenntnis, dass es einen ganz unbelasteten
Raum gibt, einen"absolutely white cube" kann ich für
meine Person ausschliessen, das bedeutet, dass es sich immer um Rauminstallationen
- also Ausstellungen in Räumen, die zwar eigens mit dem Versuch
einen Raum so unbelastet wie möglich zu schaffen, handelt.
Der Raum und das Objekt sind eng miteinander verknüpft, nichts
neues und für manchen vielleicht
doch neu. Jedes Objekt wirkt in jedem Raum zu jeder Tageszeit völlig
anders. Ich habe mich
gefragt, was nun eigentlich an einer Ausstellung definitiv ist. Vielleicht
der Künstler? Vielleicht der
Raum? Vielleicht das Objekt?
Ein Gespräch
von Thomas A. Wenz mit Ralph Ueltzhoeffer Jan. 2006 (Auszug) nnt:337-pnp artnet Quelle |