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HEINER BLUM, Auszug aus "Schwarzer Schnee" Ein Gespräch von Heinz Schütz

Heiner Blum
In seinen Anfang der achtziger Jahre entstehenden Alarm- und Passepartout-Serien legt er Ausschnitte aus Zeitungs- und Zeitschriften­material fest. Hier bereits behandelt er Text und Bild gleichwertig. Licht wird insbesondere in seinen Fen­sterarbeiten und Installationen zum Thema. Dem Blick des Allegorikers entsprechend konzentriert sich Blum immer wieder auf Zeit und Vergänglichkeit. Auf der Suche nach Existentialien entstehen Skulpturen, Porträts, Fenster-, Spiegel- und Wandar­beiten, Lichtbildprojektionen, Text- und Zeichenbilder. Die Vereinheitlichung der Gegensätze, die Blum immer wieder anstrebt, erinnert an die Cusanische "coincidentia oppositorum".
Weißer Kubus, dunkles Depot H. S.: Im Laufe der letzten elf Jahre hast du ein Archiv aufgebaut, von dem du sagst, daß es gewissermaßen ein Kapital darstellt, das als Zinsen deine Arbeiten abwirft. In einer Art Umkehrung wäre es möglicherweise sinnvoll, das Archiv bei der Kunstproduktion nicht nur als Ausgangspunkt, sondern als potentielles Ziel mitzudenken, denn die meisten Kunstwerke landen, insofern sie überhaupt ins Musem gelangen, im Depot. Man könnte sich vorstellen, daß das Museumsdepot zu einem fruchtbaren Archiv wird. H. B.: Kapital kann natürlich nur dann fruchtbar sein, wenn mit ihm gearbeitet wird. Kapital, das ruht, ohne daß jemand von ihm weiß, ist völlig uninteressant.
Das Depot des Museums ist meistens ein Grab. Wenn man Glück hat, wird es vielleicht in ein paar hundert Jahren irgendeinen Kunsthistoriker geben, der einer Arbeit plötzlich zur Wiederauferstehung verhilft und der sie möglicherweise sogar zum Mittelpunkt des Museums macht, aber das hat mit meiner Arbeit nichts zu tun. Als Künstler produziert man in erster Linie für sich selbst. Ich habe noch nie daran gedacht, daß ich fürs Depot arbeite. Trotzdem reproduzieren Kunstwerke die Bedingun­gen ihrer Ausstellung.

Heute wird meist immer noch der "weiße Kubus" als idealer Ausstellungsort zugrunde gelegt. Meinst du, daß man nicht von den hellen, weißen Museumsräumen als Kontext für die Arbeit ausgehen sollte, sondern von einem Lagerraum, einem dunklen, gruftigen Kellerloch? (Lachen) Es gibt ei­nen Punkt, der mir in meiner Arbeit ganz wichtig ist: Ich will Arbeiten produzieren, die sehr einfach zu rezipieren sind, Arbeiten, die man tatsächlich im Kopf davontragen kann, wenn man sie einmal gesehen hat, und an die man dann aber immer wieder denkt. Wichtig ist, daß man weiß, daß diese Arbeiten existieren. Unwichtig ist es, daß man stundenlang vor einer Arbeit verweilt und auf irgendein inspirierendes Erlebnis hofft, wie das vielleicht bei einem schönen Gemälde der Fall ist. Insofern wäre es vielleicht gar nicht so schlimm, wenn meine Sachen alle im Depot stehen würden, wenn man nur weiß, daß sie existieren, oder nur weiß, daß sie einmal existiert haben. Schwarzbild Am Anfang deiner künstlerischen Arbeit steht das Foto. Deine Arbeit wird - könnte man sagen - aus dem Geist der Fotografie geboren. Das heißt konkreter: Selbst wenn man nicht von Fotografie im eigentlichen Sinne sprechen kann, arbeitest du gleichsam fotografisch. Fotografieren bedeutet unter anderem, aus der bestehenden Welt einen Ausschnitt zu wählen und zu fixieren. In diesem Sinne gehst du etwa in der 'Alarm-" oder der "Passepartout"-Serie vor. Von der Ausbildung her habe ich mich während des Studiums weitgehend nur mit Fotografie beschäftigt, da ich ursprünglich Fotoreporter werden wollte. Meine künstlerische Arbeit hat sich aus einer Haltung heraus entwickelt, die wesentlich mit dem Blick und der Arbeit eines Fotografen zu tun hat. Ein Fotograf ist jemand, der eher passiv beobachtend als aktiv eingreift.

 
Dara Weishaupt Contemporary Art